Afrika scheint auf den ersten Blick der Verlierer der Globalisierung zu sein: Weder am Welthandel, noch an der Marktwirtschaft profitieren die Länder des europäischen Nachbarkontinentes. Hunger und Armut bestimmen nach wie vor das Bild Afrikas. Und nehmen zu, vor allem auch in den Staaten Subsaharas. Die Publikation “Afrika First! Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft” widmet sich dieser Thematik. REPOST*

Die Autoren Martin Schoeller, Daniel Schönwitz plädieren in einer Streitschrift für einen Neustart in der Handels- und Entwicklungspolitik: Ins Zentrum muss endlich die soziale Frage rücken; Afrika braucht die Soziale Marktwirtschaft. Erst durch faire Löhne und soziale Sicherungssysteme kommen Investitionen und Wachstum auch bei den Armen an, so die Autoren. Steigender Wohlstand würde zu sinkenden Geburtenraten und „demografischen Dividenden“ führen, was ohne Zweifel im Interesse Europas ist. Wenn es den Afrikanern nicht besser geht, wird es uns bald schlechter gehen. FAIReconomics hat die beiden Autoren befragt.

Meine Herren, wie definieren Sie Afrika, vor allem auch in Ihrem Buch?

Natürlich ist es wegen der gewaltigen Vielfalt des Kontinents gewagt, von Afrika als Ganzes zu sprechen. Wir sind jedoch überzeugt, dass die meisten Länder, gerade in Subsahara-Afrika, vor vergleichbaren Herausforderungen stehen: Sie brauchen eine Initialzündung für nachhaltiges, inklusives Wachstum, das sie – im ersten Schritt – zu Schwellenländern reifen lässt. Anders als in Asien und Südamerika ist das in Afrika mit Ausnahme der Maghreb-Region und Südafrika bisher kaum einem Land gelungen.

Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, dass Afrika eine Soziale Marktwirtschaft braucht. Wie würden Sie diese definieren?

In der Sozialen Marktwirtschaft gelten – anders als im ungezügelten Kapitalismus – klare Spielregeln, die Marktkräfte kanalisieren und dafür sorgen, dass faire Löhne gezahlt werden. Denn nur dann kommt das Wachstum bei sämtlichen Bevölkerungsschichten an. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch vom European Economic Model, das auf Anti-Korruptions-, kartellrechtlichen, ökologischen und sozialen Standards basiert. Anders ausgedrückt: Wer arbeitet,  muss eine Familie ernähren können. Das ist in Afrika leider nicht selbstverständlich und einer der wesentlichen Gründe für Flucht und Migration.

In Deutschland funktioniert die soziale Marktwirtschaft in erster Linie durch den Ausgleich unterschiedlicher Interessen etwa durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die sich in wirkungsvollen Gruppen zusammengeschlossen haben und verantwortungsvoll miteinander umgehend. Sehen Sie solch ein Modell für afrikanische Staaten.

Langfristig ja. Der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zur Sozialen Marktwirtschaft ist aber der Aufbau robuster sozialer Sicherungssysteme, die in Afrika bislang nur vereinzelt existieren. Das muss sich ändern. Denn nur abgesicherte Menschen haben einen Hebel, um faire Löhne durchzusetzen, Das wiederum ist eine zwingende Voraussetzung, damit Wachstum auch bei den Armen ankommt und zum dringend notwendigen Rückgang der Geburtenraten beiträgt. Ab einem durchschnittlichen Einkommen von rund 250 bis 300 Dollar pro Monat hört in der Regel das Bevölkerungswachstum auf. Heute liegen die Löhne vielerorts bei einem Zehntel dieses Niveaus.  Skeptikern sei im Übrigen gesagt, dass auch Privilegierte von sozialen Sicherungssystemen profitieren. Denn sie erhöhen nicht nur den Konsum, sondern auch die Bildungs- und Investitionsbereitschaft sowie die wirtschaftliche und politische Stabilität. Damit heben soziale Netze die gesamte Volkswirtschaft auf eine höhere Ebene. Wir reden also nicht über ein Nullsummenspiel nach dem Motto „Den Reichen nehmen, den Armen geben“, sondern von einer win-win Situation.

Betrachten sie in ihrem Ansatz in erster Linie die Wirtschaft und wie sieht es mit der Politik aus. Die Entwicklung Afrikas wird durch Korruption stark gebremst, zudem greifen vermeintlich demokratische Führer mit der Zeit zu autoritären Mitteln wie etwa in Ruanda unter Kagame Oberin Tanzania, wo gerade gewählt wurde und sich die Entwicklung noch nicht klar abzeichnet. Unruhen in Nigeria und Proteste gegen Polizeigewalt dort, tun ein übriges.

Wir plädieren dafür, ausschließlich in Ländern zu investieren, die entschlossene Reformen im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft vorantreiben. Dazu gehört auch die politische Ebene, vor allem was den Kampf gegen Korruption durch Amtsträger sowie die Rechtsstaatlichkeit angeht. Es gibt inzwischen zum Beispiel eine Menge Know-How, wie Korruption bei Infrastruktur-Investitionen vermieden werden kann.

Das sollte unseres Erachtens allerdings nicht heißen, dass Reformpartner lupenreine Demokratien nach westlichen Standards sein müssen. Auch Regierungen mit großer Machtfülle sollten die Chance auf Partnerschaften haben, wenn sie Menschenrechte schützen, hohe rechtsstaatliche Standards erfüllen und einen Fahrplan für eine Demokratisierung aufstellen.

Was bezeichnen sie als Reformländer und wie wollen Sie dort politische Stabilität, die ja ein jeder Investor verlangt, etablieren?

Reformländer sind für uns, so wie es auch das Entwicklungsministerium definiert hat, jene, die die angesprochenen Veränderungen mit Nachdruck vorantreiben. Dazu gehören beispielsweise Äthiopien, Ghana und Togo, wo Reformen bereits für eine höhere politische Stabilität gesorgt haben. Diese Entwicklungen gilt es jetzt zu fördern – gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise und wieder aufflammender Unruhen. Deshalb plädieren wir für eine vertiefte Entwicklungszusammenarbeit und vor allem für sehr viel mehr Engagement bei der Infrastruktur-Finanzierung. Das würde Jobs schaffen und zugleich bessere Voraussetzungen für inklusives Wachstum. Wirtschaftliche Entwicklung ist der Schlüssel zu politischer Stabilität.

Welchen Einfluss hatte die COVID 19 Krise auf das Schreiben ihres Buches?

Nach der offiziellen Datenlage ist Afrika erstaunlich wenig betroffen von Corona im Vergleich zu Europa und anderen Regionen. Das kann allerdings auch an der mangelnden Erfassung liegen. Unabhängig davon leidet Afrika in diesem Jahr auch daran, dass so viele Reisen und damit so viele Projekte verschoben werden mussten. Auch unsere geplante Reise nach Westafrika mit Minister Müller wurde abgesagt.Darüber hinaus hat die Pandemie eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig soziale Sicherungssysteme sind – für Einzelne, aber auch für die Stabilität einer Volkswirtschaft. Corona hat uns deshalb zusätzlich in der Überzeugung bestärkt, dass Afrika zwei Dinge dringender braucht denn je: die Soziale Marktwirtschaft – und positive Impulse, um einen nachhaltigen Wachstumsschub auszulösen.

Welche Reformen und Investitionen sind nötig, um es dem Kontinent zu ermöglichen, allmählich zum Rest der Welt aufzuschließen? Kann die Corona-Krise als Katalysator genutzt werden, in die strukturelle Modernisierung afrikanischer Ökonomien zu investieren?

Afrika braucht im ersten Schritt bessere Verkehrs-, Kommunikations-, Energie und Wassernetze. Denn Infrastruktur ist die Plattform, auf der Unternehmertum, private Investitionen und breiter Wohlstand gedeihen (und damit auf lange Sicht eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft). Nach Corona gilt aber erst recht: Allein und ohne starke Partner werden Regierungen das nur vereinzelt schaffen. Europa kann und sollte deshalb einspringen und Kapital und Garantien für Infrastrukturprojekte mobilisieren. Die niedrigen Zinsen bieten die Jahrhundertchance, eine Initialzündung auszulösen und das Ende der Armut einzuläuten. Wir sind überzeugt, dass dies mit unserem Konzept ohne zusätzliche Steuern, EU-Beiträge oder Schulden möglich ist. Europa kann und sollte seine Kreditwürdigkeit in Form von Garantien leihen und damit Reformen fördern.

Und kann eine zu erwartende Restrukturierung und Diversifizierung von globalen Lieferketten eine Chance für Afrika und ausländische Investoren sein?

Ja. Um es mal optimistisch auszudrücken: In Afrika kann das prozentual stärkste Wachstum der Welt entstehen. Die Corona-Krise hat Entscheidern im Westen schmerzhaft vor Augen geführt, wie instabil lange, kostenoptimierte Lieferketten sind. Lohnkostenvorteile rücken deshalb in den Hintergrund, und zahlreiche Unternehmer prüfen, ob sie Waren und Produkte statt aus Fernost auch aus Europa oder benachbarten Regionen beziehen können. Das ist für einige afrikanische Länder eine große Chance. Sie können sie nutzen, sobald ein gewisses Minimum an Infrastruktur nachgerüstet ist.

Im Klappentext ist ein bemerkenswerter Satz zu finden. Steigender Wohlstand würde zu sinkenden Geburtenraten und „demografischen Dividenden“ führen, was ohne Zweifel im Interesse Europas ist. Wenn es den Afrikanern nicht besser geht, wird es uns bald schlechter gehen. Wie definieren Sie das Interesse Europas.

Wenn es Afrika weiterhin schlecht geht, droht eine Massenflucht gen Norden – nicht zuletzt wegen der Klimakrise, die etwa in der Sahelzone schon für erhebliche Verwerfungen sorgt. Wir müssen den Menschen deshalb neue Perspektiven geben. Das Interesse Europas geht aber viel weiter als der Kampf gegen Fluchtursachen: Angesichts des verschärften geopolitischen Systemwettbewerbs braucht Europa neue Partner. Gemeinsam mit Afrika können wir „America“- bzw. „China-first“-Apologeten Paroli bieten und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum auf Basis der Sozialen Marktwirtschaft formen. Europa sagt schon lange „Partnerships first“ statt „Europe first“.

Und wo werden diese Interessen mit denen, die China hat, kollidieren. Und was können wir den chinesischen Interessen in Afrika entgegensetzen, außer Geld?

China investiert derzeit in großem Stil in Afrika – aber nicht im Rahmen von Partnerschaften, sondern um eigene Interessen durchzusetzen. Und etliche afrikanische Länder sind bereits in eine gefährliche Abhängigkeit geraten, weil sie hohe Kredite zu schlechten Konditionen aufgenommen haben. Europa sollte den Finanzierungsofferten aus Fernost deshalb faire, partnerschaftliche Angebote entgegensetzen. Das heißt, dass wir nicht nur Geld liefern sollten, sondern auch das Bekenntnis, Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Dieses Bekenntnis gilt es glaubwürdig zu untermauern – auch über Kapital und Garantien hinaus. Wir denken hier vor allem an faire Handelsverträge, die Wertschöpfung vor Ort fördern und afrikanische Länder nicht zu Rohstofflieferanten degradieren.

Die von uns vorgeschlagene Initiative haben wir „Gewürzroute 2.0“ genannt. Denn die Gewürzroute hat schon vor Jahrhunderten die Seidenstraße abgelöst, weil sie effizienter und ungefährlicher war. Der Begriff passt deshalb zu unserem Ziel der partnerschaftliche Ausweitung des europäischen ökonomischen Modells (der sozialen Marktwirtschaft).

Ist es ein Zufall dass Sie Ihrem Buch den gleichen Titel gegeben haben wie Dr. Jakkie Cilliers, Leiter des African Futures & Innovation Programmes des ISS, der in seinem neuen Buch „Africa First! Igniting a Growth Revolution“ auf ähnliche Fragen eingeht? (Übrigens von der Hans-Seidel- Stiftung mitfinanziert…)

Ja. Die Titel-Idee ist unabhängig davon entstanden – wir arbeiten ja bereits seit fast drei Jahren an unserem Buch. Aber warum sollte man wichtige und richtige Botschaften nicht zweimal aussprechen? Und um Missverständnisse zu vermeiden: Wir gehen zwar auf ähnliche Fragen ein, geben aber ganz andere Antworten. Unser Fokus ist die Koppelung von Infrastruktur-Finanzierung und höheren Löhnen.

*Quelle: Interview von Frank Tetzel, Journalist und Chefredakteur von FAIReconomics. Das Original finden Sie HIER.

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